Studium im Ausland - Die Sicht des Dozenten

 

Aus subjektiver Sicht des Studierenden gibt viele Gründe während des Studiums ein oder zwei Semester im Ausland zu verbringen. Doch welche Vorteile sehen die Professoren und Dozenten, wenn Seminarteilnehmer ihre Auslandserfahrung in die Lehrveranstaltungen mitbringen? Dr. Martin Lüthe (Ludwig-Maximilians-Universität München) versucht in seinem Gastbeitrag zu verdeutlichen, was er in diesem Zusammenhang für wichtig hält.


17. Juli 2012     Autor: Dr. Martin Lüthe (Ludwig-Maximilians-Universität München)

 

Zwar ist durch einige journalistische Beiträge zum Thema „Auslandsaufenthalt während des Studiums“ eine vorher unkritisch-naive und vielleicht entsprechend übertrieben positive Wahrnehmung des Auslandsaufenthalts in der Öffentlichkeit in jüngerer Zeit problematisiert worden, jedoch waren diese empirisch ähnlich unzureichend unterfüttert wie das vorher dominante Gefühl des durchweg positiven Effektes eines zwischenzeitlichen Studiums im Ausland. Überhaupt, das muss ich hier vorweg schieben, sind allgemein gültige Aussagen zum Thema schwierig zu treffen, insbesondere weil die Faktoren, die diese Erfahrung als gelungen, sinnvoll, überfordernd oder gar sinnlos erscheinen lassen können eigentlich in jedem einzelnen Fall geprüft werden müssten und daher stark subjektiv bleiben. Fakt ist aber auch, dass man als AustauschstudentIn genau aus diesem Grund selbst ganz stark ein gefühltes Gelingen oder Scheitern des Studiums im Ausland beeinflussen kann.

Ich glaube nämlich weiterhin – und kann dies für mich selber am besten behaupten –, dass ein gelungener, längerer Aufenthalt im Ausland schlichtweg mit keiner anderen Erfahrung während des Studiums verglichen werden kann und ich kann daher auch durchaus nachvollziehen, dass der Auslandsaufenthalt im Lebenslauf auch jenseits der akademischen Wirklichkeit immer noch besonders positiv bewertet zu werden scheint. Hierbei vermag ich nicht zu beurteilen, ob dies – bezogen auf einen vermeintlich zu messenden Produktivitätsvorsprung von ehemaligen AustauschstudentInnen – irgendwie gerechtfertigt werden kann; wobei eben genau hier schon ein Problem der Beurteilung der Erfahrung zu liegen scheint: wie macht man den Erfolg einer derart persönlichen Erfahrung messbar und warum „übersetzt“ man die Beurteilung der Erfahrung in den Kontext von was es einem Menschen später auf dem Arbeitsmarkt bringen könnte.

Niemand sollte ausschließlich ins Ausland gehen, um im besten neo-liberalen Sinne, seinen eigenen Marktwert beim späteren Werben um Jobs zu steigern; jeder sollte, meines Erachtens, der Erfahrung wegen gehen. Ohne die naive Nostalgie für die überholten Magisterstudiengänge unnötig fortschreiben zu wollen, denke ich, dass sich doch festhalten lässt, dass die Verschulung der akademischen Grundausbildung vor allem durch ihre Rahmung als Teil eines gesellschaftlich-ökonomischen Effizienzfetischismus vor allem jene Erfahrungen im Verlaufe eines Studiums zu bedrohen begonnen hat, die vermeintlich nicht ausschließlich dem Effizienzpostulat folgen: StudentInnen sollten das Studium meines Erachtens vielleicht besonders im gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontext auch wieder als Lebensphase entdecken, in der es zusätzlich zum zielorientierten Studieren auch darum gehen kann, Erfahrungen zu sammeln, die lehrreich und identitätsstiftend zugleich sind! Meine eigene Erfahrung aus Seminarkontexten mit StudentInnen, die nach einem Auslandsaufenthalt in die deutsche Hochschullandschaft zurückkehren, sind stets äußerst positiv verlaufen: Eigenantrieb, Vorbereitungs- und Diskussionseifer waren bei ihnen oft besonders ausgeprägt; vielleicht auch, weil sie während des Austausches eine eigene akademische Stimme entdecken konnten, weil die Seminare dort eben auch als soziale Events für sie besonders relevant erschienen. Ein Studium im Ausland als Erweiterung des eigenen Horizonts eignet sich daher, so glaube ich, immer noch sehr und sollte nicht ausschließlich aus der Perspektive der Effizienz betrachtet und beurteilt werden.

Porträt von Dr. Martin Lüthe

Dr. Martin Lüthe studierte an den Universitäten in Bonn, Köln und der Emory University in Atlanta und promovierte an der Justus-Liebig-Universität in Gießen mit einer Arbeit zum Motown-Soul der 1960er Jahre.

Zur Zeit bekleidet er das Amt „Akademischer Rat auf Zeit“ am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität in München.